Leseprobe: Kapitel 1

Normalerweise war das Leben im Walddorf Gamander ruhig und beschaulich.
Lüsai Turren mochte es genau so, denn es gab ihr die Musse, sich ausführlich dem wichtigsten Teil ihrer Ausbildung zur Nemeton zu widmen: den Pflanzen und ihren Verbindungen im Grossen Geflecht. Doch am letzten Tag der alljährlichen Fastenzeit brachten gleich drei Ereignisse Lüsais Herzschlag aus dem Rhythmus.

Das Erste war ein Unfall. Vor einem Jahr noch wäre Lüsai beim Anblick des vielen Blutes in Ohnmacht gefallen, doch heute gelang es ihr, sich mit einem schummrigen Gefühl im Bauch vom Behandlungstisch wegzudrehen und heisses Wasser aufzusetzen. Von Picris’ gequälten Geräuschen konnte sie sich jedoch nicht abwenden. Mit zitternden Händen griff sie nach der Zange, nahm ein Kohlestück aus dem Feuer, legte es in die Steinschale und streute eine Mischung aus Bilsenkraut und Arvenspänen darüber. Das Ganze bedeckte sie mit einem dicht gewobenen Leinentuch, damit der betörende Rauch nicht entwich. Inzwischen hatte Myosotis, der Nemeton-Meister von Gamander, das Hosenbein des Zimmermanns aufgeschnitten und den offenen Bruch freigelegt.

Lüsai zitterte bei dem Anblick so stark, dass ihr die Schale aus den Händen zu gleiten drohte. Ihr Meister bewahrte sie vor dem Missgeschick, indem er rechtzeitig nach dem Behältnis griff. Es war jedes Mal das Gleiche, als hätte sie einen alles verschlingenden Schlund in ihrem Bauch und den Frühstücksbrei stattdessen in den Beinen.
Atme, sagte sie sich, doch der Geruch des Blutes drang ihr in die Nase, was nicht sonderlich dabei half, ihr Gesichtsfeld wieder zu vergrössern.

«Lüsai!» Myosotis’ Stimme drang in ihr Bewusstsein. Er schaute sie aufmerksam an, wohl besorgt, dass der Schwächeanfall stärker war als ihr Wille. Erst als es ihr gelang, sich auf seine dunklen Augen zu fokussieren, fuhr er fort: «Hole Beinwell und Brennnesselblätter. Und bring den neugierigen Haufen da draussen dazu, sich nützlich zu machen. Wir brauchen Schienen und jemand soll den Metzger rufen.»
Lüsai nickte, hängte sich ihre Tasche um, nahm einen Korb und stolperte aus dem Haus, das sie zusammen mit ihrem Meister bewohnte.

Sensationslüsternes Geschnatter und besorgte Fragen empfingen sie vor der Türe. Sie ignorierte beides und übertrug der Wäscherin die Verantwortung, Schienen für Picris’ Bein zu besorgen. Den Metzger musste sie nicht mehr rufen lassen. Er trottete bereits auf die Versammelten zu. Lüsai liess ihn eintreten und sperrte die neugierigen Blicke wieder aus. Sie versuchte, nicht daran zu denken, wie genau der junge Mann zusammen mit Myosotis den Knochen richten würde.
Schwankend drängte sie sich zwischen den Dorfbewohnern hindurch und eilte in den lichten Hutewald, der das Dorf umgab.

Unter der kräftigsten Eiche liess Lüsai sich auf den Boden plumpsen. Hier würde sie sich zuerst einmal um ihren Schwächeanfall kümmern. Ihre Hand zitterte, als sie in ihrer Tasche nach dem Fläschchen mit der Weissdorntinktur tastete. Dieses hatte seit mehr als zwei Jahren einen festen Platz darin, denn der Weissdorn vermochte das Herz und den Blutfluss im Körper zu stärken.

In der Akademie war sie nie mit schlimmen Wunden konfrontiert worden und so war diese Schwäche erst zutage getreten, als sie diese verlassen hatte, um ihre Ausbildung unter der Obhut von Meister Myosotis fortzusetzen.
Bedächtig nahm sie einen Schluck der braunen Flüssigkeit und konzentrierte sich auf deren Kraft, die dank des beigemischten Honigs schneller ihr Herz erreichte.
Erleichtert lehnte sie sich zurück an den Stamm der Eiche und blickte zur Krone hinauf. Ihre Knospen waren prall aber immer noch geschlossen.

«Hallo, meine Schöne», begrüsste sie den Baum. «Das war kein besonders angenehmer Start in den Tag. Für mich nicht und noch viel weniger für Picris.» Sie erzählte, wie er von vier Männern gebracht worden war, und liess dann seufzend den Kopf hängen. «Ich muss das endlich in den Griff kriegen. In zwei Jahren bin ich eine fertig ausgebildete Nemeton, dann muss ich mich selbst um verletzte Leute kümmern können, ohne bei jedem Tropfen Blut gleich zusammenzuklappen.» Frustriert strich sie sich über ihre braunen Haare.
Andererseits musste sie sich nicht mit solch schlimmen Verletzungen herumschlagen. Es gab andere Wege. Wenn sie endlich den Bernstein bekam, der sie als fertig ausgebildete Nemeton auszeichnete, könnte sie in eine grosse Stadt ziehen, wo es genug andere Nemeton gab, die sich um all das Blut kümmern konnten. Sie könnte diejenige sein, die Salben und Tinkturen herstellte, die Menschen in ihrem Alltag mit der Kraft der Pflanzen unterstützte und Rituale vollzog.

Ein frustriertes Brummen entfuhr ihr. Dem Gedanken gelang es auch dieses Mal nicht, ihr die Verdrossenheit zu nehmen. Nein, ihre Schwäche zu akzeptieren, würde bedeuten, aufzugeben, nichts mehr dazu zu lernen über diesen Teil der Nemeton-Kunst und das kam nicht in Frage. Die grosse Nemeton Gnaphalie hatte auch nie aufgegeben. «Und schliesslich habe ich Fortschritte gemacht», sagte sie mit fester Stimme zur Eiche. «Ich bin nicht ohnmächtig geworden.» Sie seufzte. «Hilfe nehme ich trotzdem gerne an.»

Sie legte ihre Hand um die Wurzelansätze, damit jede einzelne Fingerkuppe die raue Borke berührte. Die nackten Zehen grub sie in den kühlen Boden. Die Augen schloss sie, dafür öffnete sie ihren Geist. Sogleich umfing sie die Energie der Bäume – der knorrigen, alten Eichen und majestätischen Buchen – wie ein Mantel aus prickelndem Nieselregen. Mit dem Ausatmen löste sie ihre Gedanken von ihren körperlichen Empfindungen. Mit dem Einatmen dehnte sie ihren Geist weiter und streckte sich in die Verbindungen mit dem Grossen Geflecht. Der Frühling war ungestüm und mit ihm alles erfüllt vom Drang zu wachsen. Lüsai liess sich davon berauschen. Dann widmete sie sich der warmen Kraft der Eiche, in deren Schoss sie sich befand. Sie spürte den Fluss der Lebenssäfte unter der Borke rauschen.

Kurz danach löste sie sich wehmütig wieder. Sie durfte sich nicht zu tief in die Verbindung geben. Dabei vergass sie immer die Zeit und Myosotis und Picris brauchten sie. Also bedankte sie sich bei der Eiche für die Stärke und eilte davon.

Als sie mit dem Korb voller Brennnesseln und Beinwell zurückkam, hatten sich noch mehr Leute vor dem Haus versammelt. Lüsai wappnete sich, bevor sie eintrat, doch das Schlimmste war vorüber. Der Knochen war gerichtet, die Wunde gereinigt und Picris immer noch betört. Der Anblick war erträglich, solange sie den Metzger nicht beachtete, der mit einem blutigen Lappen sauber machte.

Stattdessen widmete sie sich ihrem Meister. Mit seinen 45 Jahren gehörte er zu den ältesten Bewohnern von Gamander. Das sah man ihm aber nicht an. Seine Haare, an den Seiten kurz und oben kraus, waren immer noch so pechschwarz wie sein kurzer Bart. Die dunklen, hervorstehenden Augen und die stets nach oben zeigenden Mundwinkel verliehen ihm einen spitzbübischen Ausdruck, selbst wenn er Lüsai, so wie jetzt, mit ernstem Gesichtsausdruck musterte.
Sie setzte ein selbstsicheres Lächeln auf und fragte: «Beinwellumschlag oder Brennnesselbrei?»
«Sag du es mir.» Er schaute sie herausfordernd an.
Lüsais Blick huschte wieder zu der Wunde. Sie schluckte hart, spürte schon, wie sich der Schlund in ihrem Bauch erneut öffnen wollte. Aber sie musste es schaffen. Sie würde es schaffen. Mithilfe der Kraft der Eiche und des Weissdorns konnte sie sich endlich ihrer Schwäche stellen.
«Ich mache den Beinwellumschlag.» Ihre Stimme klang nicht so entschlossen wie beabsichtigt.
Myosotis lächelte zufrieden und nahm ihr die in ein Tuch ein gewickelten Brennnesselblätter ab. Sie würden Picris nach dem Blutverlust stärken.

Lüsai hatte gerade die noch sehr kleinen Beinwellblätter in Streifen geschnitten, als die Tür aufgerissen wurde und ihr jüngster Bruder Silaum hereinstürzte. Seine Augen, die genauso blau waren wie ihre eigenen, leuchteten aus dem geröteten Gesicht.
«Das Kind kommt!», keuchte er und stützte sich auf den Knien ab. Hinter ihm spähten die Dorfbewohner hinein.
«Was? Jetzt schon?»
«Ja. Oder denkst du, ich eile zum Scherzen den ganzen Weg hier herauf? Die Fruchtblase ist schon geplatzt.»

Zum zweiten Mal an diesem Tag blieb Lüsais Herz einen Moment stehen und setzte dann zum Galopp an. Trotzdem rührte sie sich nicht.
«Jetzt mach schon. Mama ärgert sich sowieso schon über deine Verspätung. Und was ist eigentlich bei euch los?» Neugierig trat Silaum zu Picris an den Tisch. Mit dem interessierten Gesichtsausdruck, der normalerweise einem offenen Bienenstock vorbehalten war, inspizierte er die Naht.
Lüsai setzte zu einer empörten Erwiderung an. Es gab überhaupt gar keine Verspätung. Doch sie liess es bleiben. Es nützte nichts, den Frust über ihre Mutter an Silaum auszulassen.
Unschlüssig schaute sie zuerst zu dem kleingeschnittenen Beinwell und dann zu ihrem Meister. Er nickte ihr zu. «Es ist schon in Ordnung.»
Mit einer Mischung aus Erleichterung, weil sie sich nun doch nicht um die Wunde kümmern musste, und Enttäuschung – schliesslich gelang es ihr nicht jeden Tag, den Mut dafür zusammenzukratzen – säuberte sie das Messer und steckte es zurück in die Scheide an ihrem Taillengurt.
«Ich muss nur noch ein paar Sachen zusammensuchen.»
Zuerst aber ging sie zur Tür und sperrte die Schaulustigen wieder aus.
«Ja, ja. Mach nur», meinte Silaum, ohne den Blick von Picris’ Bein zu lösen.

Lüsai eilte mal hierhin mal dorthin, bis sie alles zusammen hatte, was sie für das Geburtsritual brauchte. Zum Schluss nahm sie ihren kurzen, grünen Pelerinenmantel vom Haken hinter der Tür.
Myosotis lächelte ihr zum Abschied aufmunternd zu. «Du wirst das hervorragend machen.» Wie ein Blitzschlag in ein Strohdach hinein entfachte dieser Satz Lüsais Nervosität. Es war nicht das erste Mal, dass sie ein Geburtsritual durchführte, doch es war das erste Mal ohne die Aufsicht und Führung ihres Meisters.
Sie nickte beklommen und stupste Silaum an, der inzwischen auf einem Stuhl lümmelte. «Es kann losgehen.»
«Ich bleibe noch ein wenig hier. Ich brauche eine Verschnaufpause.»
«Kommt überhaupt nicht in Frage», schnappte Lüsai. «Du weisst genau, dass Mutter die ganze Familie dabei haben will!» Und sie würde bestimmt ihr die Schuld geben, wenn Silaum trödelte und zu spät kam. Darauf konnte sie verzichten.
«Nur ein paar Minuten», jammerte er. «Wozu die Eile? So eine Geburt dauert schliesslich.»
Sie bedachte ihn nur mit einem strengen Blick.
«Ist ja schon gut», murrte er und trottete ihr hinterher.