Luis sass auf der Kante seines Lieblingssitzes im Rapperswiler Stadtbus. Sein Körper war angespannt. Die blauen Augen huschten hinter der Brille unstet hin und her. Niemand schien ihn zu beachten und doch ließ ihn das Gefühl nicht los, dass jemand es auf ihn abgesehen hatte. Die Jugendlichen hinten im Bus verbreiteten grölend ihre Freitagabendstimmung. Luis war nur wenige Jahre älter als sie, trotzdem lagen Welten zwischen ihnen. Waren sie es, die ihm auflauerten?
Beim Cityplatz stieg er aus. Eine Station früher als üblich. Die Jugendlichen folgten ihm nicht, dafür eine ältere Dame und ein ungepflegter Mann mit einer Bierdose in der Hand.
Luis schlug den Weg in Richtung Altstadt ein. Er würde nicht direkt nach Hause zurückkehren. Wer auch immer ihm auf den Fersen war, durfte nicht wissen, wo er wohnte.
Nur der Mann blieb hinter ihm. Luis lief schneller. Von weitem fixierte er das grüne Licht der Ampel beim Fußgängerstreifen an der oberen Bahnhofstraße, doch dann stellte diese auf Rot um. Luis blieb abrupt stehen. Sein vermeintlicher Verfolger schloss zu ihm auf. Luis traute sich nicht, zu dem Mann hinüberzuspähen. Er starrte auf die Ampel, bis seine Augen tränten. Als das grüne Licht ihn aus der Starre befreite, hatte der Mann mit der Bierdose den Fußgängerstreifen schon zur Hälfte überquert. Luis atmete langsam aus und folgte ihm. Auf der anderen Straßenseite bog der Mann ab und ließ ihn mit der Angst alleine.
Luis‘ Schritte auf dem Asphalt und der Herzschlag in seiner Brust kamen ihm viel zu laut vor. Er war alleine und doch verstärkte sich das unheimliche Gefühl, ebendies nicht zu sein. Da entdeckte er sie, die Ursache seiner Angst, im Schatten hinter der Hecke. Panisch rannte er los. Nach links in die Kluggasse! Die Gestalt blieb ihm auf den Fersen. Stets am Rande seines Sichtfeldes.
Er näherte sich dem Schlossgelände. Dort kannte er sich aus. Dort konnte er die Gestalt abhängen. Er schaute zurück, während er die Treppe hinauf hastete. Die Kreatur kauerte auf der Mauer unter ihm. Ihre Augen glänzten. Dann spreizte sie die Flügel und stieß sich ab.
Ein Dämon!
Die Kirche!
Er musste es in die St. Johann-Kirche schaffen!
Dort war er in Sicherheit.
Er war nicht gläubig, aber im Angesicht eines Dämons …
Das Rauschen mächtiger Schwingen.
Näher …
… und näher.
Sein keuchender Atem.
Seine Schritte auf dem Pflasterstein. Er stolperte, blickte nicht zurück, rappelte sich auf und rannte auf die rettende Tür zu.
Die kalte Türklinke. Verschlossen! Noch ein Versuch. Verschlossen.
Und dann hörte er das Patschen nackter Füße auf Stein, das Rascheln sich faltender Flügel.
Er war die obere Kammer einer Sanduhr. Die Hoffnung rieselte unaufhaltsam aus ihm hinaus. Luis drehte sich um, drückte sich in den steinernen Türrahmen und starrte in zwei schwarze Augen.
„Wer verfolgt dich? Sag‘s mir! Ich beschütze dich!“, sagte das geflügelte Wesen eindringlich. Es war eine Sie und sie schaute sich suchend um, während er weiter zitterte.
Mit aufgerissenen Augen starrte er auf ihre ledrigen Schwingen, bis sie sich wieder ihm zuwandte und voller Feuereifer erneut fragte: „Wer verfolgt dich?“
Er blinzelte. „D…d…d…du“, presste er all seinen Mut aufbringend hervor.
Sie blinzelte zurück.
Sie war zweifellos die Präsenz, die er gespürt hatte, aber bei genauerem Hinschauen erschien sie überhaupt nicht gefährlich. Stünde er nicht so in die Ecke gedrängt da, würde er sie um einen ganzen Kopf überragen. In dem für die Jahreszeit viel zu dünnen, grauen Kleid und ohne Schuhe, wirkte sie sogar verletzlich. Aber die schwarzen Augen glänzten lebhaft. Sie hatte keine Augenbrauen, dafür Flügel.
„Tut mir leid“, sagte sie sanft und trat einen Schritt zurück. „Du hast gedacht, dass ich dich verfolge und ich bin dir gefolgt, weil ich dachte, du wirst verfolgt.“
Sie lachte kurz auf. Es klang wie ein Wiehern.
Dann guckte sie ertappt.
„Das ist meine Schuld. Ich war zu lange an dir dran.“
„Wer bist du?“, flüsterte er. Eigentlich wollte er wissen, was sie war, aber seine zwanghafte Höflichkeit ließ solche Worte nicht zu.
„Destina. Ich bin eine Entlöhnerin. Ihr Menschen nennt mich göttliche Gerechtigkeit, Schicksal, Glück, Pech, manchmal sogar Zufall. Ich beobachte die Menschen – normalerweise jeden Tag jemand anderen – und gebe ihnen dann, was sie verdient haben.“
Sie ließ ihm die Chance etwas zu erwidern. Er nutzte sie nicht, sondern stand weiterhin in der Ecke. Nur sein Herz beruhigte sich allmählich.
„Ich war zu lange an dir dran. Sieben Tage schon. Das ist gegen die Regeln. Deswegen hast du begonnen, mich zu spüren, und jetzt kannst du mich sogar sehen.“ Sie seufzte und lehnte sich in die andere Ecke zwischen Holz und Stein.
„Die Chefin will, dass wir uns auf die Schlechten konzentrieren, dass wir sie bestrafen, aber ich möchte lieber die Guten belohnen.“
Sie runzelte die Stirn. Luis entspannte sich langsam.
„Ich will mein Leben nicht auf den Fersen von schlechten Leuten verbringen. Zu sehen, was sie den ganzen Tag so anstellen, macht mich wütend und füllt meinen Kopf mit negativen Gedanken. Die Genugtuung, die ich empfinde, nachdem ich sie für den Tag entlöhnt habe, währt nur kurz.“
Sehnsucht legte sich über ihr Gesicht. „Ich will meine Tage mit den Menschen verbringen, die Gutes tun, die positive Energie, die sie ausstrahlen, in mich aufnehmen und das Glück mit ihnen teilen, wenn ich sie entlöhne.“
Sie seufzte noch tiefer und ließ den Kopf zurückfallen.
Luis wusste nicht, was er auf ihr Geständnis erwidern sollte. Einen Moment lang schaute er sie nur an, wie sie so ihn ihrem dünnen Kleid, in Gedanken versunken dastand.
„Ist dir nicht kalt?“, wagte er schließlich zu fragen.
Sie lachte ihr Pferdelachen und kam energisch auf ihn zu. Unwillkürlich versteifte er sich wieder. „Genau das meine ich!“, rief sie. Ihr Gesicht war seinem viel zu nahe. Er traute sich kaum, auszuatmen. „Du sorgst dich um andere Menschen, selbst wenn du dich von ihnen fernhältst. Du bist achtsam! Deswegen bin ich an dir dran geblieben.“ Sie ließ sich wieder zurück in ihre Ecke fallen. Luis atmete aus. „Es hat mich glücklich gemacht, dich zu beobachten und dich zu entlöhnen. Da habe ich irgendwie das Zeitgefühl verloren.“
Luis dachte über ihre Worte nach. Tatsächlich. Während der letzten Woche hatte er immer wieder Glück gehabt. Der Snackautomat hatte zwei Schokoriegel ausgespuckt, der Bus hatte sich am selben Tag verspätet wie er, im Supermarkt hatte er einen Gratiseinkauf gewonnen.
„Danke“, sagte er. Die Angst war endgültig verschwunden. Er machte sogar einen Schritt auf sie zu.
„Keine Ursache. Du hast es verdient!“ Ein breites Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Plötzlich drehte sie sich um und machte sich zum Abflug bereit.
„Komm gut nach Hause und entschuldige nochmals, dass ich dich so erschreckt habe“, rief sie. Dann stieß sie sich ab und erhob sich in die Luft. Er schaute ihr staunend nach.
Am nächsten Morgen sass sie im Bus. Ein geflügeltes, augenbrauenloses Wesen in einem dünnen Leinenkleid. Nur für ihn sichtbar. Als wäre es das Normalste der Welt. Er zögerte, dann setzte er sich neben sie. Sie grinste und deutete verstohlen auf den Mann vor ihr. Über dessen Schulter hinweg, schaute sie, was er auf seinem Smartphone trieb.
Luis beobachtete sie von der Seite. Schließlich lächelte er und lehnte sich entspannt zurück. Die Welt war in Ordnung.
Einige Haltestellen weiter erhob sich der Mann. Luis wollte aufstehen, um Destina rauszulassen, doch sie legte ihm eine Hand auf den Oberschenkel. Wohlige Wärme breitete sich von der Stelle aus.
„Bleib sitzen.“
Flink kletterte sie über die Lehne des vorderen Sitzes. Bevor sie leichtfüßig davon heruntersprang, drehte sie sich zu Luis um.
„Bis morgen!“
„Bis morgen!“, antwortete Luis automatisch. Dann runzelte er verwirrt die Stirn und schaute, wie sie dem Mann hinterhertrottete.